Als Trainer beim SC Freiburg haben Volker Finke und Achim Sarstedt einen "anderen" Weg entwickelt, damit der "kleine" SC Freiburg im Konzert der Großen mithalten kann.
Die Bilanz der vergangenen 16 Jahre ist ausgezeichnet und kann sich sehen lassen: Nie schlechter als Platz 4 in der 2. Bundesliga, 10 Jahre Zugehörigkeit zur 1. Bundesliga und 2 mal Teilnahme am UEFA Cup. Auch international hat Trainer Volker Finke für seine Arbeit beim SC Freiburg Anerkennung bekommen.
ECKPFEILER EINS: Sichtung und Förderung junger Talente
Zu dem Konzept von Volker Finke gehörte es an erster Stelle, junge Talente zu sichten und in die Profimannschaft einzubauen. Dies galt nicht nur für Spieler aus der Freiburger Fußballschule, sondern auch für die Auswahl bei der Verpflichtung von Neuzugängen. Anstatt also bereits "fertige" Spieler zu holen, wurde besonderer Wert auf die Entwicklungsfähigkeit der Talente gelegt. Ziel war es dabei, Spieler mit besonderem Talent bis zu deren 25. Lebensjahr auszubilden und voll zu entwickeln. Danach hatte man Leistungsträger im Team (etwa Mohamad in der vergangenen Saison, früher Kobiashvili, noch früher Jens Todt), oder aber die Möglichkeit, diese voll entwickelten Spieler mit Gewinn an größere Vereine zu verkaufen. Letzteres galt in der Vergangenheit oft auch für Spieler, deren Talent zuvor unentdeckt geblieben war und die sich in Freiburg unter Volker Finke sehr schnell in den Vordergrund spielten (etwa Jörg Heinrich oder Sebastian Kehl).
Die Auswirkungen:
1. Die Mannschaft des SC Freiburg war zumeist sehr jung und engagiert (wie letzte Saison - die jüngste Profi-Mannschaft in Deutschland).
2. Die finanziellen Aufwendungen für den Einkauf von talentierten, jungen Spielern waren zumeist äußerst gering.
3. Die Verweildauer der Spieler beim SC Freiburg war insgesamt immer überdurchschnittlich hoch.
4. Das Image des SC Freiburg, aus Talent "Gold" zu machen, war immer äußerst positiv.
5. Die jungen Spieler waren formbar im Sinne des kollektiven Spielgedankens, das Mannschaftsspiel über den Einzelspieler zu stellen ("Spiel der kurzen Wege").
6. Die Spieler hatten keine Starallüren. Die Häufung junger, ehrgeiziger Spieler sorgte für eine flache Hierarchie.
7. Der Verein konnte mit dem Verkauf einzelner Spieler einen Gewinn erzielen, nachdem sie sich in Freiburg entwickelt hatten.
Gegenmodell: Wenn der Verein bereits "fertige" Spieler im Alter von 25 Jahren und älter kauft, kann dies unter Umständen kurzfristig eine sportliche Hilfe sein. Dafür entfallen aber alle oben geschilderten positiven Auswirkungen. Solche Spieler werden sich in aller Regel nicht mehr weiter entwickeln. Sie sind - im Verhältnis zu unentdeckten Talenten - meist teurer, weil sie mehr verdienen wollen. Sie sind für einen Trainer im Spielsystem nicht mehr so formbar, sondern es muss umgekehrt das System auf die Spieler zugeschnitten werden. Ihre durchschnittliche Verweildauer als Spieler ist natürlicherweise schon durch das Alter begrenzt, was mittelfristig zu einer höheren Fluktuation an Spielern führt. Dies wiederum wird mit der Zeit teurer sein und verringert die Identifikation der Fans mit dem Team. Die Spieler können später selten mit Gewinn weiterverkauft werden.
ECKPFEILER ZWEI: Lange Verweildauer der Spieler
Es gehörte zum Konzept, Spieler überdurchschnittlich lange beim SC zu halten. Dies erreichte man auch durch einen besonders respektvollen Umgang mit ihnen, da sie beispielsweise von Trainer Volker Finke immer erwarten konnten, dass er sich in der Öffentlichkeit vor sie stellte. Teilweise gab es bei Bedarf auch eine Betreuung bis in private Bereiche hinein. Das förderte die Bindung der Spieler an den Verein, was wiederum die Kontinuität der Arbeit auf vielen Ebenen ermöglichte und Erfolg brachte: 10 Jahre Erste Liga, in sechs Zweitligajahren drei Mal aufgestiegen und sonst nie schlechter als Platz vier.
Die Auswirkungen:
1. Das Team kennt sich und ist dadurch eingespielter. Den größten Erfolg haben in aller Regel die Teams, die lange zusammen spielen.
2. Es wird Geld gespart, welches bei hoher Fluktuation in der Regel allein an Ablösesummen anfällt.
3. Die Identifikation zwischen Fans und Mannschaft ist dadurch ausgeprägter.
Gegenmodell: Wenn Vereine erst einmal in der Spirale sind, dauernd durch Neueinkäufe die relativ schnell wieder abgewanderten Spieler ersetzen zu müssen, wird die sportliche und wirtschaftliche Kontinuität erschüttert. Man kommt in die Defensive, weil nicht immer kurzfristig der gewünschte Ersatz gefunden werden kann oder teuer bezahlt werden muss. Eines von vielen Beispielen dafür ist Borussia Mönchengladbach in den vergangen zwei Jahren.
ECKPFEILER DREI: Langfristige Investitionen in Infrastruktur
Es gehörte untrennbar zum Konzept, dass erhebliche Investitionen in die Infrastruktur und den Ausbau des Standortes getätigt wurden, anstatt das eingenommene Geld jeweils in neue Spieler zu investieren. Das wiederum machte den SC Freiburg immer konkurrenzfähiger und brachte ihm ein gutes Image in ganz Deutschland ein. Es erhöhte zudem bei gewünschten Neuzugängen den Anreiz, dass diese Spieler sich für den SC Freiburg entschieden. Dies führte zur in allen Belangen vorbildlichen Freiburger Fußballschule, die für die gesamte Fußballregion (auch die Amateurvereine) von großer Bedeutung ist. Erst die Fußballschule hat die Perspektive geschaffen, dass immer mehr und immer öfter bestens ausgebildete "Eigengewächse" in den Profikader integriert werden konnten, anstatt Spieler von außen hinzukaufen zu müssen.
Gegenmodell: Ehrgeizige Vereine, die immer den kurzfristigen Erfolg suchen und das Geld, welches sie durch Zuschauer-, Fernseh-, und Ablöseeinnahmen verdienen, in Spielergehälter und Neuzugänge investieren, gehen das hohe Risiko ein, zum sportlichen Erfolg verdammt zu sein. Statt langjähriger Kontinuität und vernünftiger Wirtschaftlichkeit stehen dann kurzfristige Manöver im Vordergrund. Oft wird dann der Bogen überspannt und solche Vereine verlieren ihre Balance.
ECKPFEILER VIER: Positive Wahrnehmung des SC Freiburg
Hier wurde aufgrund der ersten drei Eckpfeiler eine Marke von nationaler Bedeutung aufgebaut. Das Image, das der SC Freiburg seit Jahren in ganz Deutschland und auch im Ausland - wenn es darum geht, von dort Spieler zu holen - genießt, trägt wesentlich zum bisherigen Erfolg des Vereins bei. Der vierte Eckpfeiler dieses positiven Images hilft nicht nur, gewünschte Talente nach Freiburg zu ziehen, sondern sichert auch Sponsoreneinnahmen. Die positive Wahrnehmung des SC Freiburg gründet darin, dass immer aus "Nichts" erfolgreicher und schöner Fußball gemacht wurde. Das überzeugende Konzept wurde als Marke wahrgenommen, die den SC Freiburg geprägt hat. Die Emotionen von Fans und vielen Sympathisanten in ganz Deutschland kamen dadurch zustande, dass sich häufig lauter "Unbekannte" gegenüber größeren und reicheren Klubs mit herrlichem und herzerfrischendem Fußball gewehrt (und oft auch behauptet) haben. Die Kontinuität der Arbeit und die Vernunft im wirtschaftlichen Bereich runden das Bild ab, das der SC Freiburg bietet.
Gegenmodell: Vereine, die sich nach dem Muster des FC Bayern München verhalten, aber eben nicht die Möglichkeiten von Bayern München haben. Ein ständiger Handel mit Spielernamen, die kommen und gehen. Die ständige Trainerdiskussion, sobald man ein paar Spiele verloren hat. Kurzfristiges Erfolgsdenken statt Kontinuität in der Ausbildung von Talenten. Befriedigung persönlicher Eitelkeit statt Ruhe und Besonnenheit.
Das Verhalten des Vorstands des SC Freiburg in der vergangenen Rückrunde hat der über Jahre aufgebauten positiven Marke bereits jetzt enormen Schaden zugefügt.